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Informationen und Beratung zur
schizoiden Persönlichkeitsstörung

Der schizoide Kompromiss


Das Modell des schizoiden Kompromisses hilft bei Verständnis, Stabilisierung und Überwindung eines schizoiden Lebensstils.

Der Begriff des schizoiden Kompromisses wurde 1969 von Harry Guntrip geprägt. Dieses Modell hilft Betroffenen und Angehörigen die Hintergründe einer schizoiden Beziehungsgestaltung zu verstehen. Betroffene bekommen mit diesem Wissen einen Ansatz um schizoid geprägte Kontakte zu anderen Menschen zu stabilisieren oder die schizoide Prägung zwischenmenschlicher Kontakte sogar zu überwinden.

Das schizoide Dilemma als Ursache

Fast alle Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung erleben Kontakte als belastend, z. B. als anstrengend, langweilig, verunsichernd oder beängstigend. Auf diese Belastung reagieren sie oft mit Vermeidungsverhalten.

Zwar gibt es Betroffene, die Ihre Wohnung nicht mehr verlassen und von Angehörigen versorgt werden. Die meisten Betroffenen akzeptieren aber zwischenmenschliche Kontakte, die sich nur mit weitreichenden Folgen vermeiden lassen, z. B. beim Einkaufen, bei Behördenterminen, bei Arztbesuchen. Viele Betroffene üben auch einen Beruf aus, bei dem sich Kontakte zu anderen Menschen nicht vermeiden lassen.

Neben diesen subjektiv unvermeidbaren Kontakten verspüren viele Betroffene durchaus ein Bedürfnis nach Kontakten, wobei dies sehr unterschiedlich ausgeprägt ist: Einige Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung fühlen sich sehr einsam, haben einen starken Wunsch nach Freundschaft oder Partnerschaft. Andere beschreiben dieses Bedürfnis eher vage, z. B. als Wissen, dass für jeden Menschen ein gewisses Maß an Kontakten wichtig ist, weil Isolation extreme gesundheitliche und auch lebenspraktische Folgen haben würde.

So stehen dem starken Bedürfnis nach Vermeidung von Kontakten einerseits unvermeidbare Kontakte, andererseits auch ein mehr oder weniger starker Wunsch nach Kontakt entgegen. Ein Dilemma.

Der schizoide Kompromiss als Lösungsversuch

Viele Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung lösen dieses Dilemma dadurch, dass sie die Intensität zwischenmenschlicher Kontakte begrenzen. Dafür entwickeln sie zahlreiche Strategien: Kopfhörer in den Ohren verhindern die Kontaktaufnahme durch Fremde ebenso wirkungsvoll wie die intensive Beschäftigung mit einem Buch, dem Handy oder dem Laptop. Bei Veranstaltungen wie z. B. einem Konzert ist die Aufmerksamkeit auf das Bühnengeschehen konzentriert, wer spät kommt, früh wieder geht und sich dazwischen offensichtlich auf die Bühne konzentriert, kann sich in der Masse unbehelligt bewegen. Bei Gesprächen kann Distanz gewahrt werden, in dem man Blickkontakt vermeidet, sich ausschließlich auf Sachthemen beschränkt und persönliche, emotionale Themen meidet. Das Internet ermöglicht anonyme, schriftliche und zeitversetzte Kontakte, bei der Zeitpunkt, Dauer und Intensität bestimmt werden können. Hinsichtlich partnerschaftlicher Beziehungen erlauben Fernbeziehungen z. B. ein hohes Maß an Distanz. Auch Affären mit anderweitig bereits gebundenen Menschen ermöglichen räumliche, zeitliche und emotionale Distanz. Zahlreiche weitere Strategien bleiben hier ungenannt.

Wenn Betroffene in Kontaktsituationen sind, entziehen sie sich durch solche Strategien der Kontaktsituation mehr oder weniger stark. Sie sind gleichzeitig im Kontakt und bleiben dennocht außen vor. Dies bezeichnet Guntrip als schizoiden Kompromiss.

Die Folgen des schizoiden Kompromisses

Mit diesem schizoiden Kompromiss versuchen Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung unvermeidliche Kontakte erträglich zu gestalten und ihr Bedürfnis nach einem Minimum an Kontakt zu befriedigen. Doch diese Strategie hat Schattenseiten: So erleben andere Menschen die mehr oder weniger offensichtliche Distanz als Desinteresse, Arroganz oder schroffe Zurückweisung. Oft sind dann Konflikte oder Kontaktabbruch die Folge. Zudem bleiben die Kontakte einerseits trotz dieser Strategien belastend, können andererseits das Kontaktbedürfnis nicht befriedigen.

Vielen Betroffenen gelingt es im Laufe der Zeit ihren persönlichen schizoiden Kompromiss zu optimieren. Sie entwickeln Strategien, mit denen die Belastungen durch Kontakte erträglich bleiben. Strategien, mit denen sich Konflikte und Kontaktabbrüche vermeiden lassen. Strategien, mit denen das Kontaktbedürfnis mehr oder weniger gestillt werden kann.

Ein so optimierter schizoider Kompromiss kann die schizoide Lebenssituation stabilisieren, Leidensdruck reduzieren und für eine gewisse Lebensqualität sorgen. Diese Stabilisierung verhindert aber gleichzeitig, dass der Betroffene lernt, seine schizoiden Strategien zu überwinden, das Störungsbild verfestigt sich.

Fazit zum schizoiden Kompromiss

Obwohl die von Harry Guntrip damals betrachteten schizoiden Phenomäne nicht mit der heutigen schizoiden Persönlichkeitsstörung identisch sind, bieten seine Gedanken Betroffenen eine gute Orientierung. Wer sein Kontaktverhalten auf solche Strategien überprüft, kann viel über sich lernen, Kontakte erträglicher und intensiver gestalten. Doch als Betroffener sollte man sich bewusst entscheiden, ob man seine schizoiden Strategien optimieren oder ob man sie überwinden will.

Basisliteratur zum schizoiden Kompromiss:

Guntrip, Harry. Schizoid phenomena, object relations and the self. New York: International Universities Press. 1969. | Bei Amazon anschauen »

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